Parkplatz mit Wiese

Birnen, Beeren, Kräuter – frisch vom Parkplatz

Wilde „Gartenkolonien“ erobern Straßen, Plätze, Dächer und Hinterhöfe. Überall in den Großstädten erblühen plötzlich grüne Oasen zwischen grauen Mauern. Urban Gardening nennt sich diese Modeerscheinung, zu deutsch etwa Großstadt-Gärtnern. Wie so viele Trends kam auch dieser aus den USA zu uns. Doch entspricht er dem Bedürfnis der Menschen hierzulande, sich von der Lebensmittelindustrie unabhängiger zu machen und Obst, Gemüse und Kräuter selbst anzubauen?

Parkplatz mit Wiese

Ein bisschen Grün zwischen all dem Grau sorgt für Entspannung.

Urban Gardening: Die City blüht auf

Die Wurzeln des Urban Gardening liegen in den frühen 1970er Jahren in Städten wie New York und Los Angeles. Und tatsächlich: In ihren Vierteln konnten arme Einwanderer durch eigenangebaute Lebensmittel ihre Ernährungslage verbessern. In den 90er Jahren setzen Globalisierungsgegner und Umweltaktivisten mit ihren Guerilla Gardens in London dagegen Zeichen des politischen Protests. Sie wollten die Natur zurück in die Stadt holen. Auch bei vielen deutschen „Wildgärtnern“ mischen sich gesellschaftlicher Idealismus und der Wunsch nach gesünderer Ernährung, wie Native Plants in seinem Blogspot über die wilden Urban Gardening-Flächen berichtet. Viele Menschen aber möchten einfach das Straßenbild vor ihrer Tür etwas aufhübschen und demonstrieren: Der öffentliche Raum gehört auch uns.

Das Grün erobert die Städte zurück

Typisches Beispiel: eine kleine Bordstein-Grünfläche zwischen zwei Parkplätzen in München.  Jahrzehntelang wucherte hier nur ein riesiger Buchs, der ab und zu vom Hausmeister grob gestutzt wurde. Eines Tages hatten einige Nachbarn das Gestrüpp entfernt und die Grünfläche mit Backsteinstücken in Beete unterteilt. Seither sprießten Sonnenblumen und Zierbüsche, Erdbeeren und Kresse üppig und fein säuberlich geordnet zwischen den parkenden Autos. Sicher ging es den Nachbarn vor allem um den Spaß am Verschönern. Zwei Straßenecken weiter aber verwandelte das Team eines Tattoo-Studios den Grünstreifen zwischen Gehweg und Straße in einen bunten Garten.

Eine Straftat, aber meist ohne Kläger

Längst bereichern wilde Gärten wie diese fast überall das Stadtbild. In ihren Stadtvierteln schließen sich die Nachbarn zusammen, greifen zu Hacke und Schaufel. Stadtkinder lernen, wie sie ihr eigenes Obst und Gemüse züchten. Oft machen sich die Wildgärtner allerdings strafbar, denn urbanes Gärtnern ohne Einwilligung des Grundstückseigentümers kann als Sachbeschädigung geahndet werden. Meistens sehen die Städte und Gemeinden aber darüber hinweg. Und wenn doch mal geräumt wird, wie im Fall des berühmten Gemeinschaftsgartens „Rosa Rose“ in Berlin, lässt sich die Bewegung der „Guerilla-Gärtner“ dadurch nicht aufhalten. Außerdem entstehen neuerdings immer mehr interkulturelle Gärten, welche die Verständigung zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen fördern und oft sogar kommunal unterstützt werden. Für solche Beispiele gilt: Daumen hoch!

Anwohner als Selbstversorger: heute trendig, früher notwendig

Neu ist die Idee dieser Grünflächen-Erschließung allerdings nur als Modetrend. Im Blog-Artikel Urban Gardening – kleine Gärten und grüne Oasen in der Stadt können wir lesen, dass innerstädtischer Gartenbau bis ins 19. Jahrhundert zur Versorgung der Bürger notwendig war. Erst moderne Verkehrssysteme wie die Eisenbahn ermöglichten es, die Produktion verderblicher Ware komplett auf das Land auszulagern. Heutige Großstadt-Gärtner können sich sogar auf das Vorbild ihrer Großelterngeneration beziehen. Nach 1945 nutzten die Bewohner zerstörter deutscher Städte vielfach Parkanlagen als Anbauflächen. Nachdem etwa die Bäume des Berliner Tiergartens wegen Kohlemangel verheizt worden waren, diente der Park sowohl als Acker als auch als Obstgarten-Kolonie, wie historische Bilder vom Landesarchiv Berlin zeigen. Heute können die Parks zum Glück wieder zur Erholung genutzt werden. Die innerstädtische Lebensqualität aber dürfte steigen, wenn sich noch mehr Straßen und Höfe in blühende Gärten verwandeln.

Foto: italianestr/shutterstock.com

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